Löwe, Schaf und Mücke: Welches Verhalten hilft mir weiter?
Eine gemeinsame Sprache für Konflikte – ohne Kinder in Schubladen zu stecken.

Der Unterricht ist vorbei, es klingelt zur großen Pause. Der Löwe geht die Treppe hinunter. Er hat einen Plan: Er möchte eine gute Pause haben und mit den anderen Fußball spielen. Da kommt die Mücke angeflogen und provoziert: „Boah, bist du hässlich. Und du stinkst. Löwen sind sowieso blöd.“
Der Löwe schaut die Mücke an, dreht sich um und geht weiter. Nicht, weil das Verhalten der Mücke in Ordnung wäre. Sondern weil er weiß, was er möchte: eine gute Pause haben.
Wenn aus einer Provokation ein Streit wird
Die Mücke sucht sich das Schaf. Das kommt schon meckernd die Treppe herunter: Das Essen war blöd, Mathe war blöd, Hausaufgaben gibt es auch noch. Als die Mücke nun auch das Schaf beleidigt, wird es richtig sauer. Es schreit zurück, die Mücke lacht und macht weiter. Schließlich greift eine Lehrkraft ein. Die Pause ist vorbei – und nun frage ich die Kinder: Wer hatte eigentlich eine gute Pause?
Die spannendere Frage kommt danach: Wer konnte beeinflussen, wie er sich verhält? Alle drei.
Die drei Tiere stecken in uns allen
Anfangs sieht es aus, als gäbe es drei ganz unterschiedliche Charaktere: den Löwen, die provozierende Mücke und das meckernde Schaf. Dann verrate ich den Kindern etwas: Die drei gehen nicht nur in dieselbe Klasse. Sie stecken alle drei in uns.
Fast jeder war schon einmal eine Mücke, hat eine Regel nicht eingehalten oder jemanden absichtlich geärgert. Fast jeder kennt das Schaf, das sowieso schon genervt ist und beim nächsten blöden Spruch zurückschießt. Und den Löwen kennen die Kinder ebenfalls – häufig haben sie kurz zuvor bei Stressika selbst erlebt, dass sie sich nicht auf jede Provokation einlassen müssen.
Kinder sind keine Schafe, Mücken oder Löwen
Das ist mir besonders wichtig: Kein Kind ist eine Mücke, ein Schaf oder ein Löwe. Ein Kind kann sich heute wie eine Mücke verhalten und morgen in einer anderen Situation sehr löwenstark handeln. Es geht nicht darum, wer ich bin, sondern wie ich mich in einer bestimmten Situation verhalte.
Eine gemeinsame Sprache für Konflikte
Das Tiermodell funktioniert deshalb auch nach dem Training weiter. Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte können einen Konflikt noch einmal mit Schaf, Mücke und Löwe erzählen, statt sofort mit Vorwürfen zu beginnen. Die Tiere schaffen Abstand – und eröffnen die Frage: Was ist passiert und welche andere Möglichkeit hätte es gegeben?
Die Bilder bleiben erstaunlich lange hängen. Ich komme manchmal nach langer Zeit wieder in eine Klasse und die Kinder erinnern sich noch an die drei Tiere.
Bei uns zu Hause funktionierte das übrigens ebenfalls. Wenn ich einmal ziemlich sauer wurde, sahen meine eigenen Kinder mich irgendwann nur noch an und sagten: „Mäh.“

